2005-06-16

Wird China zum Maßstab für den Rest der Welt?

Wird die Welt Chinesisch?, fragt die Zeit heute in einem China-Special. Im Hauptteil widmet sich Georg Blume der sich abzeichnenden wirtschaftlichen und kulturellen Vorherrschaft Chinas:
Unterhalb der kommunistischen Kaderdecke verändern Manager und Unternehmer, Ingenieure und Architekten, Künstler und Modedesigner das Land. Sie sorgen dafür, dass China längst nicht mehr das ist, was viele im Westen von weitem noch immer wahrnehmen: eine Werkbank für die Welt, betrieben von einer ausbeuterischen Allianz westlicher Kapitalisten und östlicher Kommunisten. In Wirklichkeit erlebt China eine Erneuerung auf vielen Ebenen. Bei genauem Hinsehen kommen nicht nur Billiglöhne zutage, sondern auch neue Effizienzbegriffe jenseits des kurzfristigen Shareholder-Value. Nicht nur ein turboschneller Markt, sondern auch ein altes Wertesystem mit seinen eigenen Begriffen von Mitmenschlichkeit und Erziehung. Kapitalismus und Konfuzianismus erweisen sich als kompatibel. Zum ersten Mal in der Geschichte entwickelt sich eine riesige Industriegesellschaft, die mit dem Westen – insbesondere mit den USA – auch kulturell konkurrieren kann. Schon gibt es kaum mehr ein internationales Filmfestival, auf dem nicht chinesische Filme zu den Preisträgern zählen. »Wir sind die Neuen. Wir sind die Zukunft«, wirbt Lenovo-Chef Yang in Deutschland mit seinen neuen IBM-Computern aus China. In dem Werbespruch liegt ein Kern Wahrheit. Der Westen läuft Gefahr, am alten Bild des kommunistischen und leicht berechenbaren China festzuhalten, statt sich auf die Sinisierung einzustellen. Sicher wird das Land auch in Zukunft noch die westlichen Märkte mit Billigprodukten überschwemmen. Aber es wird sich darauf nicht beschränken. Früher lief das so: Die reichen Länder produzierten forschungsintensive Hochtechnologie, die armen Länder beschäftigungsintensive Massenware. Doch jetzt steht die globale Arbeitsteilung erstmals infrage. »Das Besondere an China ist, dass es plötzlich ein riesiges, armes Land gibt, das sowohl mit niedrigen Löhnen als auch im High-Tech-Bereich konkurrieren kann«, sagt der Harvard-Ökonom Richard Freeman. ... Bedrohlich wird die Situation auch für westliche Autohersteller, die mit ihren deutsch-chinesischen Joint Ventures kräftige Gewinne kassierten. Langfristig könnten sich die Milliardeninvestitionen von VW, BMW und DaimlerChrysler als Bumerang erweisen. In ihren Joint-Venture-Partnern päppeln die Deutschen künftige Konkurrenten hoch. Kürzlich kündigte die Shanghai Auto Industry Corporation (SAIC) an, vom Jahr 2007 an erstmals ein Auto auf eigene Faust zu bauen. Das neue Modell will die Firma, die seit 20 Jahren mit Volkswagen kooperiert, in direkter Konkurrenz zu den Deutschen auf den Markt bringen. ... Im vergangenen Dezember setzte der Nationale Geheimdienstrat der USA (NIC), der an CIA und Präsident berichtet, ein Zeichen, als er Chinas Aufstieg mit dem der USA im 20. Jahrhundert verglich und vor »potenziell genauso dramatischen Folgen« warnte.
Die Übersicht über den gesamten China-Schwerpunkt mit zahlreichen weiteren Artikeln zum Thema gibt es hier.

1 Comments:

At 6:13 nachm., Blogger Konrad said...

Herr Freeman taeuscht sich.
Aus der Sicht eines Theoretikers ist seine Ansicht verstaendlich.
Dass der "Geist die Materie treibt" uebersieht er.
Ein "Patriarch" Li hat soeben in DIE ZEIT sogar behauptet, in China gaebe es diesen "Unternhemergeist" wohingegen er fuer die "Europaeische Kultur keine Zukunft sieht"
http://www.zeit.de/2005/25/Portr_8at_Li_Dongsheng

Diesem "Patriarchen" habe ich versucht meinen Einspruch zu begruenden.
Gleiches gilt fuer Herrn Freeman:
http://briefeankonrad.tripod.com/Menschsein/index.blog?entry_id=1137195

Wer in Portugal lebt wie ich sieht taeglich, dass nichteinmal Portugiesen irgendwas "exportieren".
Der Eigentumsuebergang vorher durch den Kunden "anbefohlener" Produkte geschieht auf port.Boden, und der "Export" wird grundsaetzlich von diesem Kunden bezahlt und kontrolliert.
Also verdankt selbst Portugal Produktion und Export stets einem nordeuropaeischen Kaeufer.
Gruesse aus Perafita im schoenen Portugal
Konrad

 

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